Von der Grundidee zum fertigen Song
Auch für die Band ungewohnt: Die Gruppe "Verrückte Dichter" steht für ihre erste CD-Produktion im Studio.
Die Gruppe "Verrückte Dichter" steht im Studio
SCHAFFHAUSEN. Die Schaffhauser Rock-Grunge-Gruppe «Verrückte Dichter» haben vergangene Woche die ersten Aufnahmen zu ihrem Debüt-Album eingespielt. Dies erfolgte im brandneuen Tonstudio «Soundvalley» von Felix Lämmli und Roland Fatzer im Mühlental. Doch wie entsteht ein Song? Ein Studiobericht.
von Christian Saggese
In den 90er-Jahren war Seattle USA eine Geburtsstätte der Melancholie. Die Grunge-Musik erlebte ihren Aufstieg in der Untergrundszene. Eine Mischung aus Rock, Punk, Hard Rock mit meist depressiven oder sozialkritischen Texten. Mittlerweile gilt der Grunge als praktisch ausgestorben – nur noch wenige Bands von damals wie Pearl Jam oder Dinosaur Jr. sind noch aktiv. Trotzdem lebt die Musikrichtung weiter. Unbekanntere Bands versuchen, die Seele der Jugendbewegung weiterleben zu lassen. Dafür muss kein Flug in die USA gebucht werden. Solche melancholische Klänge waren vergangene Woche auch im neuen regionalen Tonstudio von Felix Lämmli und Roland Fatzer zu hören.
Erste Einspieler
Angespannt stehen die fünf Männer von «Verrückte Dichter» im Aufnahmeraum. Kopfhörer über die Ohren gezogen, das eigene Instrument wird getestet. Das Schlagzeug beginnt mit der Vorgabe des Rhythmus’, der Bass klinkt kurz daraufhin in die Klangfolge ein. Die beiden Gitarren kommen dazu, spielen zuerst einen ruhigen Eingangspart, bevor die Gefühlslage intensiver wird und die elektrischen Saitenklänge impulsiv den Geschehnissen des Textes folgen. Eher überraschend, selten im Musikbusiness, aber herrlich passend folgt ein klassischer Aufbau mit einer Geige. «Es ist schon ungewohnt, mit Kopfhörern zu spielen, da man sich hier anders hört als bei einem Live-Auftritt oder im Bandraum», findet Frontsänger Johnnie Daniels. Währenddessen sitzt der 31-jährige Felix Lämmli im Nebenzimmer und schaut auf seinen Monitor. Der erfahrene Schaffhauser Tontechniker ist bereits seit vielen Jahren in diesem Geschäft aktiv, jedoch vermehrt bei Live-Auftritten von bekannten Künstlern wie Stephan Eicher, Phenomden oder der Pink Floyd-Tributband Crazy Diamond. Auch für das Kammgarn arbeitet Lämmli regelmässig. Interessiert hört er den Aufnahmen der verrückten Dichter zu. Verstellt auf seinem Mischpult die Lautstärke, senkt den Gitarrenpegel, um den Rhythmus von Bass und Schlagzeug besser mitverfolgen zu können. Es handelt sich dabei um die ersten Aufnahmen in diesem Tonstudio im Mühlental, direkt bei der T-Raumfabrik. Vor zwei Jahren kamen die beiden Tonstudiobesitzer auf die Idee, dieses Projekt umzusetzen. «Es war eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung von der täglichen Arbeit», so der selbstständige Tontechniker. Nachdem eine Unterkunft gefunden wurde, begann man, meist am Feierabend, mit den Aufbauarbeiten. «Anfangs hatte die Lokalität noch nicht einmal eine Heizung – und für ein Tonstudio ist natürlich die Akustik sehr wichtig.» So darf der Raum während dem Spiel keinen Hall von sich geben, jedoch ist es auch wichtig, dass die Lautstärke schlussendlich im Raum bleibt und nicht auf dem Balkon des Nachbarn landet. Um die Instrumente untereinander zu koordinieren, steht der Gitarrenverstärker separat in einem weiteren Raum, während Instrumente wie die Geige oder der Bass direkt in die Aufnahmeanlage eingespielt werden. Songs sind unterschiedlich realisierbar. Einerseits könnte jeder Musiker alleine seinen Part auf dem Instrument einspielen. «Doch wir sind mehr Fan vom Teamgedanken, Musik selber und möglichst technikfrei zu erschaffen», so der Sänger. Daher steht die Band gemeinsam im Studio und spielt die Songs auch zusammen ein. Damit wird der Druck zwar grösser, keinen Verpatzer zu spielen, da darunter auch die restlichen Mitglieder zu leiden hätten. Passiert dies bei einer Geige oder den Gitarren, stellt es weniger ein Problem dar, können die einzelnen Tonspuren nachträglich nochmals aufgenommen werden. Scheitert es aber am Rhytmus des Schlagzeuges, werden die Musiker orientierungslos und verlieren den Takt. «Allerdings können wir hier im Studio probieren, soviel wir wollen in der entsprechenden Zeit. Schlimmer wären solche Verpatzer bei einem Live-Konzert ohne Korrekturmöglichkeiten», ist sich die Band einig. Erst nachdem die Musik eingespielt worden ist, legt der Sänger seine ganze Energie in die meist sozialkritischen Texte, während er die Melodie als Anhaltspunkt wieder via Kopfhörer miterleben kann.
Als Ziel die eigene CD
Obwohl es sich um die ersten Aufnahmen im neuen Tonstudio handelt, funktioniert die Technik einwandfrei. Lämmli muss, nachdem die Grundeinstellungen getätigt sind, kaum Eingriffe bei den eigenlichen Aufnahmen leisten. Erst nachher folgt sein anspruchsvoller Beruf, den Stil der Band technisch zu perfektionieren. Gerade beim Song «Mensch ist Mensch», ein sozialkritisches Stück über Gut und Böse, Armut und Reichtum, ist es wichtig, dass die Präsentation stimmt, handelt es sich dabei doch um den Titelsong für die geplante, sechs Songs enthaltende, CD. Umso selbstkritischer zeigen sich auch die Musiker, welche eine Melodie auch drei oder viermal am Stück aufnehmen. Die beste Variation wird gewählt, trotzdem fallen kritische Stimmen. «Oh da hab ich mir einen gröberen Patzer beim Bass geleistet», ist zu hören. «Ist die Geige auch laut genug?» fragt man weiter. Lämmli notiert die Bedenken der Musiker, denn nach den Aufnahmen beginnt sein Job: Die Abmischung und Zusammensetzung der verschiedenen aufgenommenen Elemente. Muss bei diesem Part die Gitarre lauter klingen, um den Zuhörer zu packen? Ist das Geigensolo auch nicht zu aufdringlich eingestellt? Schlussendlich haben die Musiker selbstverständlich nochmals ein Mitspracherecht. Doch so entscheidet es sich, ob ein Tontechniker für die langfristige Zusammenarbeit das Konzept der Gruppe versteht. Bei «Verrückte Dichter» und Lämmli zeigt dies aber keine Probleme. Wegen eines Konzertes im Kammgarn im vergangenen April hatten die beiden Parteien bereits eine gelungene Zusammenarbeit, ein Abend, welcher der Band als eines der gelungensten Konzerte ihrer Geschichte in Erinnerung geblieben ist. Das Ziel ist es, bis August die Songs entgültig beendet zu haben und danach an verschiedene Zeitschriften und Konzertveranstalter zu verschicken. Zum Titelsong soll in Schaffhausen noch ein professioneller Videoclip gedreht werden.
Alte Songs dabei
Ursprünglich war die Gruppe «Verrückte Dichter» nur «Der verrückte Dichter». Daniels war bereits früh als Singer/Songwriter unterwegs. Zwei Lieder aus dieser Zeit sind ebenfalls auf dem Album zu finden. Erst vor etwa zwei Jahren folgte die aktuelle Bandgründung, welche bereits viele Besetzungswechsel vorzuzeigen hat, aber auch gerne Gastmusiker einlädt, beispielsweise am Didgeridoo. Die meist hochdeutsch gesungenen Songs, aber teils auch mit spanischen und kroatischen Texten, werden noch unterstützt durch Gastsängerin Luna Camaleoa. Da die derzeitigen Bandmitglieder aus unterschiedlichen Musikszenen kommen, gibt es auch verschiedene Genreeinflüsse, beispielsweise die klassischen Parts der Geige. Und trotzdem findet man einen gemeinsamen Nenner. Ob zuerst der Text oder die Musik existiert, ist unterschiedlich. Meist wird zu einer bestimmten Thematik, wie «Hass», gejammt, bis ein Ohrwurm entstanden ist. Die Plattentaufe ist etwa für den November 2009 geplant. Und das Tonstudio wird gerne weitere Herausforderungen annehmen. Das Genre spielt dabei keine Rolle. «Wir sind offen für alles», so Lämmli.
Mehr zum Studio:
www.soundvalley.ch
Tontechniker Fritz Lämmli vor seiner Mischausrüstung.