Einsamer Mann
Noemi Letizia mit einem Foto von Staatschef Berlusconi, den sie "Papi" nennt.
Blick nach Italien
ROM. Wenn jemand es schafft, Berlusconi zur Strecke zu bringen, so ist es nicht die Opposition, sind es nicht die Gerichte, schon gar nicht die wenigen unabhängigen Medien. Wenn jemand es schafft, ist es seine Gattin Veronica Lario. Zusammen mit einer 18jährigen Neapolitanerin namens Noemi Letizia.
von Dante Andrea Franzetti*
Der Komiker Fiorello hat es auf den Punkt gebracht. In einer Sendung meinte er: «Silvio und Veronica sprechen miteinender wie ein ganz normales Paar: Sie wendet sich an die Nachrichtenagenturen, er geht ins Fernsehen, um ihr zu antworten.»
Es ist nicht das erste Mal.
Veronica Lario, seit beinahe dreissig Jahren mit Berlusconi verheiratet, hat bereits vor zwei Jahren einen Brief an die Presse versandt: Sie forderte darin eine «öffentliche Entschuldigung» von ihrem Gatten, nachdem er sich die x-te schlüpfrige Entgleisung geleistet hatte. «Wenn ich nicht schon verheiratet wäre, würde ich Sie sofort heiraten», sagte er der (heutigen) Ministerin für Gleichstellung, Mara Carfagna, einer seltenen Schönheit, das muss man zugeben.
Berlusconi versicherte öffentlich, dass er seine Frau liebe, und damit hatte es sich.
Doch die Peinlichkeiten nahmen kein Ende. Eben erst kürzlich, bei einem Besuch im Erdbebengebiet L‘Aquila, fragte er eine Regionalpolitikerin: «Darf ich sie ein wenig knutschen?»
Er hat es mit dem Sex: «Wenn ich drei Stunden schlafe, kann ich danach noch drei Stunden Liebe machen.»
Es ist befremdend, dass die Mehrheit der Italiener einen solchen Regierungschef nicht peinlich findet. Seine Frau offenbar schon. Einem «Drachen werden Jungfrauen geopfert», meinte sie, und «ich kann nicht mit einem Mann zusammen sein, der sich mit Minderjährigen trifft.»
Ein 18jähriges Dessousmodel mit leichtem Fettansatz und einem etwas entenhaften Gesicht hat es ihm angetan. Ihr Name scheint von den Eltern mit Bedacht gewählt worden zu sein: NOEMI. Das Fräulein besass mit fünfzehn Jahren schon ein Foto-Portfolio, das in Berlusconis Mediaset, seinem Fernsehimperium, herumgereicht wurde. Berlusconi selbst kennt sie seit Monaten, wenn nicht seit Jahren. Die junge Dame wurde erst vor zwei Wochen volljährig, und der Ministerpräsident persönlich beehrte die Geburtstagsparty in Neapel.
Sich mit Minderjährigen treffen - was meint Berlusconis Frau genau damit? Noemi will ihrem «Papi» – so nennt sie ihn – zu Hilfe eilen, und hilft vor allem der rachsüchtigen Ehefrau: «Papi hat mich gross gezogen. Ich fand immer Beachtung. In einem Jahr hat er mir einen kleinen Diamant geschenkt, ein ander Mal ein Halskettchen. Und letzten Sonntag (an meinem 18. Geburtstag) eine Halskette aus Gold mit einem Brillantanhänger. Ich verehre ihn. Er ruft mich an, sagt mir, wann er frei ist, und ich treffe mich mit ihm, in Mailand, in Rom. Ich höre ihm zu, das will er von mir. Und dann singen wir zusammen.» (Zitiert nach «Repubblica», 8.5.2009).
Am Wochenende nun hat es Noemi in die New York Times geschafft. Und dort wird zitiert, dass «Papi nicht der leibliche Vater» sei.
Berlusconis Berater werden der jungen Frau dringlich Schweigsamkeit empfehlen. Doch das angehende Supermodel Noemi hat keine Lust zu schweigen, sie möchte der Presse von ihrem «Papi» erzählen und davon, dass er sie auserwählt und zu Höherem bestimmt hat. Und wie sie ihm dabei hilft, Italien zu regieren, wahrhaft keine einfache Aufgabe. Und dass sie gerne im Parlament sässe, um ihrem Papi besser zu dienen.
Was nicht in den Medien sei, existiere nicht – das ist ein Satz, den Berlusconi oft wiederholt hat. Noemi Letizia – und vielen Jugendlichen in ihrem Alter braucht man das gar nicht erst beizubringen. Noemi ist jetzt in den Medien – sie existiert.
Veronica jedoch ist schlauer und gefährlicher. Sie schlägt ihren Mann mit seinen eigenen Waffen: der Öffentlichkeit. «Ich kann nicht mit einem Mann zusammen sein, der sich mit Minderjährigen trifft.» Und ihr Silvio eilt ins Fernsehen, um den Italienern zu erklären, wie rein sein Verhältnis zu Noemi sei. Tags darauf erzählt er einen Finnenwitz, der mit der Äusserung endet: «Ich liebe die Finninnen, sofern sie nicht minderjährig sind.»
Alle lachen. Nein, es ist mehr ein Lächeln – ein peinliches Lächeln, das besagt: Wie einsam muss der Mann sein, dass er sich eine unbedarfte Noemi herbringen lässt, eine bis vor Kurzem Minderjährige, um ihr seine Sorgen zu erzählen, um vor ihr zu prahlen?
Veronicas schlimmster öffentlicher Satz war der einfachste von allen: «Er ist ein Mann, dem es sehr schlecht geht.» Wenn sie nicht nachlässt – und das wird sie nicht – wird es «dem Drachen» noch um einiges schlechter gehen.
Die Rache ist weiblich in der griechischen und römischen Mythologie, und keine Noemi wird Berlusconi davor schützen können. Ob die Kleine wohl noch zu ihrem «Papi» stehen wird, wenn er fällt?
*Dante Andrea Franzetti, 50, lebt als Autor und Publizist in Zürich und Rom. Zuletzt erschien sein Roman «Mit den Frauen» bei Haymon, Wien-Innsbruck. Franzetti hat während beinahe fünf Jahren als Italienkorrespondent des «Tages Anzeigers» den politischen Aufstieg Silvio Berlusconis mitverfolgt und kommentiert.
