Jurgas Sommertheater-Tagebuch, Folge 3
«Spiele das Leben – lebe das Spiel»
Diese Worte im Titel schrieb einmal der deutsche Dichter Johann Gottfried von Herder. Ich will das Spiel leben ist leichter gesagt als getan und die Theaterproben sind verspielt wie das Leben selbst. Niemand weiss, was einen hinter dem Vorhang erwartet. Da nützt auch das eifrige Proben vor dem Spiegel nichts. Wann genau fange ich an, das Gespielte zu leben? Vielleicht dann, wenn die anfängliche Unsicherheit sich legt und zum Vorschein eine unbeschreibbare Herzlichkeit kommt? Diese Herzlichkeit erschafft neue Welten, den fruchtbaren Boden für die gemeinsame Kreativität. Aus diesem Gefühl heraus entsteht ein unsichtbares Band unter den Spielenden, ein beflügelndes Wissen, das ohne Worte mitgeteilt wird. Eine neue Welt entsteht im Werden und dieses Werden ist unbeschwert. Genau jetzt! Der Alltagsrucksack bleibt draussen. Für zwei bis drei Stunden legt jeder das Belastende ab und wird frei. Frei für die gelebte Theaterwelt und auf der Suche nach sich selbst. Pascal Holzer alias F. Glauser: «Viel lesen, vornehmlich Wachtmeister Studer Bücher, Briefe und Biographien von F. Glauser. Mehrheitlich über das Werk und nicht über Beschreibungen». Hanspeter Külling alias Pater Matthias: «Der Pater ist die Figur in diesem Glauser Krimi, die als Todesopfer abgehakt werden muss. Eine Opfer-Rolle ist die Matthias-Rolle aber keinesfalls. Er ist eher ein undurchschaubarer Vielwisser, ein Schmeichler, vielleicht Drahtzieher, ein Sonderling, der in Fez und weisser Mönchskutte optisch etwas Arabisches an sich haben wird. Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, die Matthias-Figur nicht eindimensional herüberzubringen und mich zu früh festzulegen. Spannend ist es zu beobachten, wie die Figuren während des Miteinander-Spielens und den Regieanweisungen von Walter Millns hoffentlich noch lange in die richtige Richtung wachsen».
Ruedi Meyer alias Studer: «Theater! Dafür lebe ich! Und ganz viele mit mir auch. Der Regisseur schaut zu. Meine Textpartner schauen zu. Sind direkt davon abhängig, was ich aus meinen vorgegebenen Einsätzen mache. Der Regisseur sagt ‘gut’. Pause. Danach macht er die Augen zu. Macke? Und sagt ‘aber’. ‘Aber’ ist negativ besetzt – hat man in früheren Jahren mal gelernt. Also war das jetzt nicht gut? Doch, sagt Walter, aber man könnte noch so und noch so und noch dies und noch das und überhaupt – weil wenn, dann darum! Probier doch einfach mal aus. Da ist es! Das Zauberwort! Probieren! Noch mehr als 50 Proben liegen vor uns. Ich freue mich auf alle Fehler, die ich noch machen darf. Auf alle ‘Aha – Erlebnisse’, die meinen Horizont erweitern».
Barbara Rebecca Jaquet: «Als ich aus der ersten Leseprobe kam war ich erschüttert: ausser der Hauptrolle des Wachtmeister Studer gab es da noch den Schriftsteller Glauser, dann vielleicht noch den Pater Matthias und die Marie aber dann? Nur noch kleinste ‘Röllelchen’! Und der Rest? Statisterie? Und zu allem Übel verspürte ich auch noch diese unbändige Spiellust! Ich will spielen, spielen, spielen! Aber dann habe ich mir gut zugeredet und gesagt: Barbara, alte Schachtel, du hast schon oft genug Theater gespielt, um zu wissen, dass auf dem Papier nur ein keiner Prozentsatz dessen zu sehen ist, was schlussendlich auf der Bühne passiert. Also bleib locker, vertraue dem Walti, dann kommt’s gut! Ich sollte Recht behalten! Die Arbeit mit Walter Millns macht ausserordentlich Spass. Er ist ein sehr sorgfältiger, fantasievoller und geduldiger Regisseur. Er lässt Raum für eigene Ideen, ohne dabei konzeptlos zu sein. Nie läuft es aus dem Ruder. Wir können lachen und albern, sind aber immer voll konzentriert an der Arbeit. Und, was auf dem Papier nach Statisterie aussah, wird mit Leben gefüllt, wird immer dichter. So spielen die meisten von uns nicht nur eine, sondern viele kleine, verschiedene Rollen. Das ist hochspannend! Das ganze Team ist jetzt schon eine eingeschworene Truppe, die am selben Strick zieht. Keine Selbstdarsteller, keine Möchtegern-Stars! Eine wahre Freude hier mitmachen zu dürfen!».
Das Spiel vermittelt eine andere Wahrnehmung, eine ungeahnte Leichtigkeit. Am Ende, wenn wir das Gefundene leben dürfen, werden wir einen langen Weg hinter uns haben. Einen Weg, den wir gemeinsam gegangen sind. Jeder für sich und doch zusammen, in der Gegenwart durch Glausers Fieberkurve vereint.
